18.09.2019

Kirschensaft im Honig: Ist das noch Honig?

Kürzlich diskutierte eine Runde Imker, ob man Honig noch vermarkten darf, wenn man realisiert, dass die Bienen Kirschensaft eingetragen haben. Entdeckt hat ein Imker den Eintrag, weil der frische Wabenbau rosa war. Logisch schauten alle in der Runde den Juristen mit fragenden Augen an. Ein ähnlicher Vorfall wird auch in einem Leserbrief in dieser Ausgabe der Bienen-Zeitung geschildert. Die Spontanantwort war: Nein, geht wohl nicht. Aber um sicher zu sein, sollte man den richtigen Gesetzestext konsultieren.

Honig ist ein Lebensmittel. Dasentnimmt man aus Art. 1 Abs. 1 Bst. j der Verordnung des Eidgenös-sischen Departementes des Innern (EDI) über Lebensmittel tierischer Herkunft (VLtH, SR 817.022.108). Denn für Fleisch, Fisch, Milch, Eier, etc. und den daraus hergestellten Erzeugnissen gibt es eine eigene Verordnung des EDI, welche die Anforderungen an diese Lebensmittel und die Kennzeichnung regelt.

Der süsse Stoff, den Bienen erzeugen

In Art. 96 dieser Verordnung ist der Honig definiert: Er «ist der süsse Stoff, den Bienen erzeugen, indem sie Nektar, Honigtau oder andere zuckerhaltige Sekrete lebender Pflanzenteile aufnehmen, durch körpereigene Stoffe bereichern, in ihrem Körper verändern, in Waben speichern und reifen lassen. Er kann flüssig, dickflüssig oder kristallin sein.» Wenn man die Definition so liest, dann ist plötzlich nicht mehr so klar, ob Kirschensaft im Honig ein Problem ist.

Die Norm muss also «ausgelegt» werden. Dazu gehört die Klärung, ob Kirschensaft ein «zuckerhaltiges Sekret lebender Pflanzenteile» ist? Dazu muss man wissen, was ein Sekret ist. Eine mögliche Antwort gibt der Duden: Sekret ist ein Synonym für «Absonderung aus einem Organ, einer Wunde; von einer Drüse produzierter und abgesonderter Stoff, der im Organismus bestimmte biochemische Aufgaben erfüllt (z. B. Speichel, Hormone).» Angesichts dieser Definition ist der Saft einer Fruchtschwerlich als Sekret zu bezeichnen. Spätestens wenn man weiss, dass in der früheren Fassung der Verordnung über Lebensmittel tierischer Herkunft der Begriff Sekret nur in Zusammenhang mit Honigtauhonig genannt wurde, wird klar, dass von Bienen verarbeiteter Kirschensaft kein Honig im Sinne der Definition des Gesetzgebers ist. In der aktuellen Fassung der Definition von Honigtauhonig steht anstelle von Sekret der Begriff Ausscheidungen.

Höchstens als Backhonig verwendbar

Wenn wir jetzt aber annehmen, dass der Honig mit Kirschensaft leicht verfälscht wurde, aber mehrheitlich immer noch aus Blüten- oder Honigtauhonig besteht, stellt sich die Frage, ob man ihn dann trotzdem als Honig in Verkehr bringen darf.

Das EDI hat im Anhang 7 der Verordnung die Anforderungen an die Beschaffenheit von Honig noch genauer definiert: Unter anderem besteht die Anforderung, dass Honig keinen fremden Geschmack oder Geruch aufweisen darf und dass er soweit möglich frei von organischen honigfremden Stoffen sein muss.

Zusammenfassend kann nach all dem Zitieren aus der Verordnung und deren Anhängen festgehalten werden: Kirschensaft im Honig ist ein Problem, dieser «Honig» darf nicht als solcher vermarktet werden. Er geht höchstens als Back- oder Industriehonig durch (Art. 98 Abs. 3 VltH).

Missverständnisse bei der Bezeichnung von Honigarten

Die Lebensmittelgesetzgebung ist revidiert worden und seit 1. Mai 2017 gilt auch eine neue Verordnung über die Lebensmittel tierischer Herkunft (VLtH). Teilweise sind Begriffe neu definiert worden. Gemäss Art. 98 Abs. 1 der revidierten VltH dürfen neben «Honig» noch die Sachbezeichnungen «Blütenhonig», «Honigtauhonig», «Tropfhonig», «Schleuderhonig» und «Presshonig» verwendet werden. Daraus wird nun etwa geschlossen, dass der Begriff «Waldhonig» nicht verwendet werden kann. Das ist natürlich falsch. Denn Abs. 5 dieses Artikels sieht ausdrücklich vor, dass die erwähnten Sachbezeichnungen auch durch die Angabe der Herkunft aus bestimmten Blüten oder Pflanzen möglich sind, solange der Honig überwiegend aus diesen stammt und er sensorische, physikalisch-chemische und mikroskopische Merkmale aufweist. Ebenso ist es erlaubt, regionale, territoriale und topografische Namen zu verwenden, wenn der Honig aus dieser Gegend stammt.

Man darf seinen Honig also immer noch als Waldhonig vermarkten, solange man sicher ist, dass die Bienen den Honigtau auch tatsächlich auf Tannen gesammelt haben.

Text von Martin Schwegler, erschienen in der Schweizer Bienen-Zeitung in der Oktoberausgabe 2019