Biene bestäubt Blume

19.03.2019

Haftung des Imkers für Bienenstiche

Insbesondere aus Kreisen unserer Beraterinnen und Berater kommt immer wieder die Frage auf, ob sie haftbar gemacht werden können, wenn ein Standbesucher von einer Biene gestochen wird und dieser dann allergisch reagiert. Wie so oft, wenn man einen Juristen um die Beantwortung einer solchen Frage bittet, konstatiert dieser: Es kommt drauf an, im Regelfall haftet man nicht, aber es gibt Konstellationen, die heikel sind.

Wer Bienen hält, gilt als Tierhalter im Sinne von Art. 56 OR. Ein Tierhalter haftet für den Schaden, der sein Tier anrichtet, wenn er nicht beweisen kann, dass er die gebotene und nötige Sorgfalt bei der Tierhaltung angewendet hat. Kommt es zu einem Bienenstich und reagiert die gestochene Person allergisch, dann besteht theoretisch die Gefahr, dass der Imker Schadenersatz und Genugtuung leisten muss. Denn ein Bienenstich stellt eine Körperverletzung dar. Die Gefahr besteht aber nur theoretisch

Es beginnt schon damit, dass der Geschädigte beweisen muss, dass es eine Biene des Beklagten war. Der Beweis ist dann erbracht, wenn die stechende Biene mit überwiegender Wahrscheinlichkeit vom Bienenstand des Beklagten kommt. Dem Autor ist dazu ein einziges Urteil aus dem Jahre 2003 bekannt. Damals befand das Thurgauer Obergericht, dass der Beweis nicht erbracht ist, wenn jemand bei gutem Bienenflugwetter in seinem etwa 45 Meter seitlich vom Bienenstand entfernt liegenden Garten von einer Biene gestochen wird.

Ein Bienenstand muss als solcher erkennbar sein

Aber auch wenn klar ist, woher die stechende Biene stammt, muss der Standbesitzer im Regelfalle nichts befürchten. Es ist ja allgemein bekannt, dass von Bienen eine gewisse Gefahr ausgeht. Das muss sich jede Person bewusst sein, wenn sie sich einem Bienenstand nähert. Wichtig dabei ist, dass der Bienenstand als solcher erkennbar ist. Unsere traditionellen Bienenhäuser sind in der Regel gut erkenntlich. Heikler sind allenfalls Magazine, besonders wenn sie von Sträuchern oder Bäumen verdeckt sind. Führt ein Spazierweg am Bienenstand vorbei, sollte man deshalb vorsichtshalber eine Warntafel anbringen. Jedem Imker ist bekannt, dass gewisse Arbeiten an den Bienen diese aggressiver werden lassen. Bei solchen Arbeiten besteht allenfalls eine erhöhte Pflicht, zusätzliche Vorsichtsmassnahmen zu ergreifen. Saniert er beispielsweise ein drohnenbrütiges oder schwaches Volk, in dem er die Bienen etwas abseits des Bienenstandes von den Waben abwischt, so muss er sich eher vergewissern, dass keine Personen in der Nähe sind, als wenn er bloss die übliche Völkerkontrolle durchführt. Ähnlich ist es beim Einfangen eines Schwarmes: Sicherheitshalber sollten mögliche Passanten in irgendeiner Form gewarnt werden.

Standbesucher haben eine Eigenverantwortung

Wie bereits erwähnt: Wer von einer bestehenden Gefahr weiss und sich dieser trotzdem aussetzt, kann anschliessend nicht den Imker als Tierhalter dafür verantwortlich machen. Ein Standbesucher, der dem Imker über die Schultern schaut, willigt faktisch ein, eventuell gestochen zu werden. Weil es ein theoretisches Risiko gibt, dass nachträglich ein Besucher behauptet, er hätte nicht um die Gefahr gewusst, sollten die Standbesucher sicherheitshalber über die Gefahr eines Stiches aufgeklärt werden. Lässt man sie Schutzanzüge anziehen, muss man die Standbesucher trotzdem sicherheitshalber darauf aufmerksam machen, dass es dennoch zu Stichen kommen kann

Sind Personen dabei, welche von Allergien berichten, und will man als Imker eine hundertprozentige Sicherheit, nicht haftbar gemacht zu werden, dann ist zu empfehlen, entweder die Einwilligung des Allergikers in das Risiko unter Zeugen einzuverlangen oder ihn sodann vom Stand zu verweisen.

Nur bei Kindern, welche die Gefahr noch nicht erkennen können, besteht eine erhöhte Pflicht zur Sorgfalt. Dies vor allem dann, wenn sie nicht in Begleitung einer erwachsenen Betreuungsperson sind. Sobald Eltern oder Lehrpersonen dabei sind, übernehmen diese die Verantwortung für das Wohl der Kinder.

Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass zwar rechtstheoretisch eine Gefahr der Haftung für Bienenstiche besteht, aber in der Praxis keine Fälle bekannt sind. Weil aufseiten unserer Mitglieder trotzdem ein Bedürfnis nach absoluter Sicherheit besteht, hat BienenSchweiz zwei «Haftungsausschlusserklärungen» erstellt, welche über die Homepage heruntergeladen werden können (www.bienen.ch > Downloads & Links > Statuten / Reglemente / Formulare > Haftungsausschluss > Standbesuch Erwachsene oder Standbesuch Schulklassen). Ein separates Formular für den Haftungsausschluss für Kurse finden die Funktionäre von BienenSchweiz im geschützten Bereich der Website von BienenSchweiz. Kursleiterinnen oder Kursleiter sowie Imkerinnen und Imker, welche ihre Standbesucher die entsprechende Erklärung unterzeichnen lassen, haben definitiv nichts zu befürchten.

Text von Martin Schwegler, erschienen in der Schweizerischen Bienen-Zeitung, Ausgabe 03/2019.